Manöverbericht Rohrzwei

Wie kann man in ein paar wenigen Zeilen die Emotionen eines intensiven Wochenendes wie dieses zum Ausdruck bringen?

Ich versuche es mal, fange ganz vorne an…

Am Donnerstag abend haben wir uns alle pünktlich am Flughafen in Venedig getroffen, auch wenn der eine oder der andere etwas rennen musste. Schade nur dass dann unser Flug mehr als Stunde verspätet war. :-(

Wir informieren unsere Freunde von GBI, welche auf uns warten. Der Flug ist ruhig und am Flughafen in Köln erwarten uns Hauptmann Franeck und Soldat Florian. Gleich auf dem Parkplatz gibt's die erste Überraschung: ein 7-er BMW und eine extreme Offroadversion eines VW Pickup, quasi einen Meter über Boden. Bestimmt kein passendes Auto um ins Büro zu fahren, hingegen perfekt für das, was uns erwartet.

Nach ungefähr einer halben Stunde Fahrt kommen wir am Ort an, wo das Lager stattfindet: ein Bauernhof in den Hügeln, wenige Kilometer von Köln. Ungeachtet der späten Stunde (es ist jetzt bereits Mitternacht) haben sie auf uns gewartet um mit uns zu essen. Es gibt leckere Beefsteaks, direkt vom Grill. Draussen regnet es und es ist kühl, wir essen in einem kleinen Raum, von dem wir später herausfinden, dass er auch unser Schlafzimmer ist: ein Pferdestall, aus dem die Tiere unseretwegen ausquartiert worden sind. Dummerweise sind nur die Pferde weg, der Geruch nach Dung und die Mücken sind noch allgegenwärtig. Nach dem Essen machen wir ein wenig sauber, breiten ein Tuch auf dem Boden aus und legen die Luftmatratzen und die Schlafsäcke darauf. Wir sind alle sehr müde aber unter diesen Umständen habe ich dennoch Mühe, einzuschlafen und um 6 Uhr früh bin ich bereits auf den Beinen. Und die ersten Zweifel bezüglich dieser neuen Erfahrung beginnen aufzukeimen…

Am Freitag morgen Frühstück im Stall, dann geht es dorthin wo das eigentliche Lager stattfinden soll: eine riesige Wiese, ein paar Hundert Meter entfernt, wo wir unsere Zelte aufstellen: eins für die Jungs vom GBI, eine fürs Hauptquartier und fürs Lager, und ein wunderschönes, im Stil eines Indianer Tipi für uns Italiener.

Das Aufstellen der Zelte nimmt den ganzen Morgen in Anspruch und dient auch dazu mit den deutschen Jungs Bekanntschaft zu schliessen – wir hatten sie zwar schon am Vorabend gesehen aber nur flüchtig am Tisch. Langsam beginne ich zu verstehen, wie das Lager funktionieren wird: die Parade und die Spiele werden auf der Wiese durchgeführt, für die Mahlzeiten und die Dusche geht's dann zurück in den Stall. Leider regnet es immer weiter, das Gras auf der Wiese ist durchnässt und der Weg zwischen dem Stall und der Wiese ist ein Schlammteppich. Am Freitag Nachmittag kommen dann die Letzen an, das Lager wird offiziell eröffnet, die Leute werden in zwei Mannschaften eingeteilt, dann Vorbereitungen auf den nächsten Tag.

Die Atmosphäre ist sehr herzlich wenn auch mit den richtigen Respekt für die Ränge der Offiziere, es wird gelacht und mit Allen gescherzt. Die deutschen Jungs kommen super miteinander aus und amüsieren sich bestens, vergessen dabei allerdings manchmal wenigstens auf Englisch zu übersetzen was gesagt wird und das sorgt für ein bisschen Enttäuschung. Jeder bekommt ein eigenes Rohr, was die Deutschen immer als "Pfeife" bezeichnen, vielleicht weil auf Englisch "pipe" ja tatsächlich "Rohr" bedeutet. Jeder muss Sorge dazu tragen und es immer bei sich haben, auch auf dem Klo und im Bett. Wir haben ihm einen Namen gegeben und bei den Paraden müssen wir es präsentieren, als wäre es ein langer, dicker erigierter Penis. Nach dem Abendessen wird ein Lagerfeuer angezündet, es wird viel Bier getrunken, gelacht und es werden ironische Sprüche geklopft, leider werden die nur selten übersetzt, so das auch wir Italiener lachen könnten.

Es ist Mitternacht und manche sind schon im Bett, ich bin gerade dabei mich auch schlafen zu legen, da geht plötzlich der Alarm los: der Feind hat Granaten auf das Feld geworfen und wir müssen sie einsammeln bevor sie explodieren. Farbige Bälle im hohen und nassen Gras finden, nur beim Licht der Taschenlampe ist ein ein verzweifeltes Unterfangen, es beginnt auch wieder zu regnen. Ich habe keinen einzigen Ball gefunden und frage mich ob es eigentlich eine gute Idee war, in dieses Lager zu kommen…

Am Samstag ist das Wetter endlich gnädig mit uns und wenn die Sonne ein bisschen hinter den Wolken hervorguckt ist es sogar zu heiss. Man ist ständig dabei den Pullover an- und auszuziehen. Die Spiele haben begonnen, es wird eng im Wettbewerb, aber die Atmosphäre bleibt fröhlich und herzlich. Zum Glück wird jetzt ohne zu fragen übersetzt und auch wir Italiener haben eine Menge Spass, ohne zu sehr darauf zu achten wer gewinnt und wer verliert. Nach dem Essen setzt man sich wieder ans Lagerfeuer, dieses Mal durch eine Sadomaso Darbietung animiert, welches ein paar deutsche Jungs uns zu unserem, vor allem aber zu ihrem Vergnügen vorführen. Es ist kein Vortäuschen, die Peitschenhiebe sind echt und am nächsten Morgan sieht man noch die Spuren auf dem Rücken des Kerls, der sie einstecken durfte. Sein Lächeln ist voller zufriedener Genugtuung!

Am Sonntag dann weitere Spiele zwischen den beiden Mannschaften: diesmal müssen wir ein kleines Tal durchqueren, indem wir uns an einem ca 20 Meter langen Seil festhalten, welches in ungefähr 10 Meter Höhe zwischen zwei Bäumen gespannt ist. Das mag einfach klingen und ich habe mich als Freiwilliger gemeldet für die Überquerung. Als erstes startet ein Rekrut der GBI, nach einem Meter rutsch er aus und fällt, zum Glück wird er vom Sicherheitsgurt aufgefangen. Er wird auf die andere Seite gezogen, am Seil hängend wie eine Salami! Die Leute fest- und wieder losbinden um die Sicherheit zu gewähren dauert lange, zur Mittagszeit wird die Sache erst mal unterbrochen, manche sind noch gar nicht drangekommen. Ich bin auch darunter, aber meine ursprüngliche Begeisterung ist der Sorge gewichen, es nicht hinzukriegen, einen schlechten Eindruck zu machen und damit auch meine Mannschaft runterzuziehen. Nach dem Mittagessen geht es wieder los, der Erste startet und schafft es anscheinend mühelos. Der Zweite zieht sich den Sicherheitsgurt an, steigt auf das Seil aber anstatt zu starten steigt er gleich in einem Panikanfall wieder herunter. Ich kann und will nicht sein wie er, schnalle mir den Sicherheitsgurt um und beginne mit der Überquerung. Die ersten Meter schaffe ich ohne Probleme aber je weiter ich gehe, desto mehr machen sich Müdigkeit und Anspannung bemerkbar. Einige Meter vor dem Ziel schaffe ich es nicht mehr, habe keine Kraft mehr in den Armen, lasse das Seil gleiten und auch ich komme an wie eine aufgehängte Wurst. Dennoch bin ich zufrieden, dass ich es versucht zu haben, eigentlich ist es ja nicht so schlecht gelaufen. Ich war der Letzte, aber einer der Jungs, der schon drüben war beschliesst, auch es auch noch noch zurück zu machen und schafft es ein zweites Mal unter dem Applaus der Zuschauer. Die Seile werden abmontiert und es werden andere Spiele gespielt bis zum Abend.

Auf dem Programm steht gebratenes Schwein für's Abendessen und ich hatte mich darauf eingestellt, am Lagerfeuer zu sitzen, während das Schwein da gebraten wird. Stattdessen wird es bereits fixfertig gebraten aus dem Restaurant geliefert – und das ist auch gut so, es schmeckt vorzüglich. Nach dem Essen setzt man sich dann doch wieder ans Lagerfeuer, weitere Sadomasospiele, diesmal mit einem jungen deutschen Kerl, der Neues ausprobieren will. Es hat ihm offensichtlich gefallen und wir haben uns mit ihm amüsiert.

Am Montag wird die siegreiche Mannschaft geehrt, sie hat die andere um nur gerade einen Punkt geschlagen und unglaublicherweise bin ich einer von denen, welchen zur Belohnung die Stiefel geleckt werden. Zudem habe ich noch die Ehre, dass es der Kommandant der GBI ist, welcher dies für mich tut.

Die Zelte werden abmontiert, alles wird in Tüten und Schachteln verräumt. Alles sind immer gut drauf, obwohl wir wissen, das es bald vorbei ist. Dann ein letztes gemeinsames Mittagessen, wir essen auf, was von den vorherigen Tagen übrig geblieben ist, dann wird geputzt und alles in die Autos verladen.

Jetzt bin im am Flughafen, auf dem Weg nach hause, mir fehlen mein Bett und mein Bad. Ich bin aber auch sicher, dass mir diese Tage fehlen werden, anstrengen, aber mit tollen Leuten gemeinsam verbracht, dabei ist eine Freundschaft und ein Verbundensein entstanden. Ich hoffe, dass wir uns im nächsten Lager wieder treffen, ob in Deutschland oder in Italien ist egal.

Ein riesiges Dankeschön an die Freunde von Articolo 28 welche mit mir dieses Abenteuer geteilt haben und eine noch grösseres Dankeschön an die Kameraden der GBI, die es möglich gemacht haben.

Soldat Daniele